Christentum


Christentum
   ist nach dem Verständnis der gläubigen Christen selber jenes Verhältnis der Menschen zu Gott, das Gott selber durch seine Selbstmitteilung an Jesus Christus u. durch seine Offenbarung im Wort begründet hat. Von dieser Verwurzelung in der Person u. in der Praxis Jesu ist das Ch. nicht zu trennen. Da drei je in ihrer Art nie erschöpfend beschreibbare Komponenten des Ch. gegeben sind, Jesus Christus als konkrete Person, die Menschen in ihrer Vieldimensionalität zusammen mit ihrerWelt u. das unbegreifliche Gott-Geheimnis, kann es keine Definition des Ch. geben. Das Ch. wird von seinen Anhängern häufig als Religion verstanden; ob zu Recht, ist in der Diskussion über ”Religion“ umstritten (schon die lat. Kirchenväter sprachen von ”religio christiana“). Der Lebensbezug zu Jesus Christus kam bereits im 1. Jh. in der Bezeichnung ”christianoi“ = Christusanhänger (Apg 11, 26) zum Ausdruck. In Parallele zu den geläufigen Begriffen Judentum u. Heidentum taucht an der Wende vom 1. zum 2. Jh. der Begriff ”christianismos“ = Ch. auf. Von den unterschiedlichen Bedeutungen, in denen der Begriff Ch. verwendet wird, sind besonders zwei hervorzuheben: Ch. als Summe der Glaubensinhalte u. Ch. als auf ethischen Prinzipien beruhende praktische Lebensführung. Zahlreiche Analysen u. Entwürfe befassen sich in der Neuzeit affirmativ oder religionskritisch mit dem ”Wesen“ des Ch., mit seiner Identität oder mit dem ”unterscheidend Christlichen“. Das Ch. kann ”von außen“ betrachtet werden, wenn es als Religion verstanden u. in seinem Verhältnis zu anderen Religionen charakterisiert wird, u. ”von innen“, befragt nach seinem Selbstverständnis. Im Anschluß an K. Rahner († 1984) kann dazu in Kürze folgendes gesagt werden.
   1. Das Ch., ”von außenbetrachtet. a) Das Ch. versteht sich als universal, faktisch als (größte u. multikulturelle) Weltreligion, tendenziell, indem es sich mit seiner Botschaft zu allen Zeiten an alle Menschen wenden will, sich grundsätzlich nicht auf bestimmte Nationen, Rassen oder Klassen beschränkt u. eine Heilsbotschaft für alle Dimensionen des menschlichen Daseins u. derWelt zu besitzen beansprucht. b) Das Ch. umfaßt die ganze Breite der inneren u. äußeren menschlichen Möglichkeiten in der Überzeugung, daß sich in ihnen allen das Religiöse ”verleiblicht “ oder verleiblichen kann. Daher ist das Ch. produktiv in Kulturleistungen, Philosophie, Humanwissenschaften, Künsten usw. c) Das Ch. bezieht sich auf geschichtliches Geschehen u. geschichtliche Offenbarung (im Unterschied zu Naturreligionen oder auf überzeitlichen Mythen begründeten Religionen). Es ist untrennbar verwurzelt in der Gottesoffenbarung, im Glauben u. in den Gebeten des Judentums u. sieht in der Inkarnation Gottes in Jesus Christus die denkbare höchste Gestalt der Selbstmitteilung Gottes an das Nichtgöttliche u. an die Geschichte. d) Das Ch. ist ganz wesentlich auf die Vermittlung im Wort (im Unterschied etwa zu wortloser Meditation u. Versenkung) hin orientiert, ist von da her ein zuinnerst kommunikatives Geschehen, das infolge seiner Geschichtlichkeit u. seiner Existenzbedingungen in einer religiös, sprachlich u. kulturell pluralen Menschheit der notfalls abgrenzenden (also ”dogmatischen“) Formulierung seiner Glaubenswahrheiten in Sätzen bedarf. e) Das Ch. ist durch dieses Kommunikationsgeschehen u. infolge der Aufgabe, seine Identität geschichtlich zu wahren, auf die institutionelle Realisierung in der Kirche mit ihren Sakramenten u. ihrem Amt angewiesen. f) Das Ch. versteht sich als ”eschatologisch“. Damit ist gesagt, daß es das von Gott selber begründete Gottesverhältnis der Menschen als nicht mehr überholbar u. als für alle Zeiten gültig versteht (der richtig verstandene Absolutheitsanspruch) . Es schließt aus, daß es jemals von einer anderen Religion abgelöst wird, sondern hält daran fest, daß es nur noch durch die Vollendung in der Anschauung Gottes überboten wird. Eschatologisch heißt auch, daß es zu diesem Ziel unterwegs u. von da her vorläufig u. geschichtlich bedingt (sehr ”kontingent“) ist, u. daß es von der Hoffnung auf endgültige Erlösung lebt. g) Der zwiespältige Charakter der Welt erfordert, daß das Ch. sich den Absolutheitsansprüchen aller innerweltlichen Weltanschauungen u. Mächte widersetzt u. auch nicht beansprucht, irdische Wirklichkeiten zu beherrschen.
   2. Das Selbstverständnis des Ch. in inhaltlicher Sicht. a) DieWelt, in der dieMenschen sich vorfinden, ist nicht ein Zufallsprodukt unbekannter Herkunft, sondern von Gott aus dem Nichts derart ins Dasein gerufen u. zu einer Entwicklung bestimmt, daß sie im Menschen zum Bewußtsein ihrer Situation kommen konnte: in allem auf das unendliche Geheimnis Gottes verwiesen, von ihm gewollt u. angerufen, als Adressat seiner Selbstmitteilung in überströmender Güte u. zur Vollendung in ihm berufen. b) Die Struktur dieser freien, ungeschuldeten (also rein gnadenhaften) Selbstmitteilung Gottes enthüllt die innere Wirklichkeit Gottes selber: Der ohne Ursprung existierende, sich ”immer schon“ mitteilen Wollende (Vater), die Möglichkeit seiner geschichtlichen Selbstaussage, die in ihm zugleichWirklichkeit ist (Wort), die Möglichkeit, sich als Gabe der Liebe dem anderen mitzuteilen u. die Annahme dieser Liebe zu erwirken, in Gott ebenfalls Wirklichkeit (Heiliger Geist), offenbart sich als der eine Gott in seiner dreifachen Gegebenheitsweise. c) Die Geschichte der Selbstmitteilung Gottes an die von seiner Gnade befreite Freiheit ereignet sich ausnahmslos in jedemMenschenleben, das zu seinem Personsein im vollen Sinn erwacht, also in Erkenntnis u. Willen zu sich selber kommt. Ob der sich selber mitteilende Gott in dieser Freiheit angenommen oder abgewiesen wird, diese Frage ist dem Ch. unbeantwortbar; sie verliert sich im Dunkel des Geheimnisses. d) Der wirksame Wille Gottes zu seiner liebenden Selbstmitteilung an die Kreatur ist nicht auf den Raum der Offenbarung, auf die Verbreitung des Christentums oder auf die Zugehörigkeit zur Kirche beschränkt (Heilswille, Existential, Anonymes Christsein ). Insofern gab u. gibt es keine für Gott ”verlorenen“ Menschen. Die Geschichte Gottes mit der Menschheit steht freilich unter dem Ziel, daß das liebende Verhältnis Gottes zur Menschheit u. die Tatsache seiner Selbstmitteilung zu reflexem Bewußtsein kommen sollte, das dann zu worthaften Aussagen (Heilige Schrift) u. zur sozialen Greifbarkeit (Israel, Kirche) führt. e) Die qualitativ einmalige Verwirklichung der Selbstmitteilung Gottes, die greifbare Garantie seines Heilswillens für alle ist nach Überzeugung des Ch. darin gegeben, daß Gott in seinem Wort eine menschliche Wirklichkeit in Jesus Christus als seine eigene Wirklichkeit angenommen hat. ”Indem der Glaubende Jesus erkennt als denMenschen, dessen Sein das Dasein Gottes bei uns selber ist u. in dessen Leben, Schicksal, Tod u. Auferstehung Gott selber an unserer Existenz teilgenommen hat, weiß er sich in seiner eigenen Wirklichkeit enthüllt“ (Rahner-Vorgrimler 1961, 65) u. als von Gott angenommen. f) Enthüllt wird darin auch die radikale Erfahrung, daß der Mensch nicht nur Empfänger der freien, gnädigen Selbstmitteilung Gottes, sondern in einer geheimnisvollen Freiheit möglicherweise der unwürdige Sünder ist, der von sich aus verloren wäre u. völlig auf die in Jesus Christus angebotene Vergebung der Schuld angewiesen ist. g) In diesem Weg der Schöpfung von ihrem Ursprung im Liebeswillen Gottes über die auf vielfältige u. in Jesus Christus auf einmalige Weise verwirklichte Selbstmitteilung Gottes bis zur seligen Vollendung jeder Kreatur in der Anschauung Gottes erweist sich in der Sicht des Ch. der einzige Sinn des menschlichen Lebens. In der Zeitspanne des irdischen Lebens wird dieser Sinn ”realisiert“, indem begriffen wird, daß die Liebe zu Gott u. zu den Menschen eine strikte Einheit bilden, u. indem diese Liebe praktiziert wird: Ch. als Religion der Liebe u. der Versöhnung.

Neues Theologisches Wörterbuch. . 2012.

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